RUCILIN BIFRONS

Eine Standortbestimmung in acht widerlichen Instagram-Zitaten
      von Christian Bihn

1.1

I am leaving the past behind

@satoricoach: The past may leave a trail behind you but it doesn’t have the power to create a path in front of you. Although it causes a ripple effect made of life experiences, they have all been for your soul’s highest good and evolution. Keep moving forward in the direction of enlightenment. #iam #mantra #past #rippleeffect #enlightenment #own #evergreenlake
#richardbrandson 

»Kennen Sie eigentlich…Ach, die jungen Leute kennen das ja nicht mehr! Die Idotenbahn…kennen Sie die Idiotenbahn. Wahrscheinlich kennen Sie die nicht!« 

Ich kenne die Idiotenbahn, von der mir der leicht ergraute Ü50-Rüsselsheimer mit leuchtenden Augen berichten möchte. Einmal den Bogen durch die Innenstadt, an einem Ende hinein und am anderen wieder heraus, bepackt mit allerlei Dingen, die man halt so braucht: Schuhe, Schmuck, Kleidung…vielleicht ein Eis. Ich freue mich für den Herrn, wie er so erzählt, jedoch mache ich mit einem wohl zu subtilen gespielten interessierten Gesicht klar, dass all die Dinge, die er mir da gerade herunterpredigt, bereits kenne. Ich höre sie nicht zum ersten Mal. 

Es ist irgendwann im Sommer. Angefragt wurde eine Stadtführung zu den Lebensstationen von Sophie und Adam Opel. Geburtshaus, erste Werkstatt, Marktplatz und ab zum Meister höchstpersönlich am Hauptportal. Eigentlich eine super Sache, wenn die Gruppe, die vor mir steht, eben nicht aus Rüsselsheim und Umgebung kommt. Irgendwelche Motorsportfreunde aus Westfalen oder eine Reisegruppe, die fälschlicherweise hier gelandet ist und eigentlich lieber in einer Straußwirtschaft in Rüdesheim sitzen möchte, aber nun das Beste aus der Situation macht. Es sind immer die Rüsselsheimer, die mir dieselbe Fragen stellen. »Kennen Sie noch?«, »Wissen Sie noch?« und eben »Kennen Sie die Idiotenbahn?« Am Ende steht immer eines fest: Ich bin im falschen Jahrzehnt geboren! 

Die Geschäfte, von denen mir vorgeschwärmt wird, existieren nicht mehr. Da, wo man voller Stolz seine erste Schallplatte, die guten Schuhe oder den mittlerweile verlorenen Ehering gekauft hat, tummeln sich nun Gastronomen, 1€-Läden und der ein oder andere gähnende Leerstand. Den alten Glanz der Idiotenbahn sucht man vergeblich, genauso wie die Leute, die sie beschritten haben…nunja, bis auf das kleine sentimentale Grüppchen vor mir. 

Dummerweise beginne ich auch damit, mich zurückzuerinnern. Wie sah die Innenstadt früher für mich aus? Immer wieder spannend war der Besuch im Karstadt, T-Shirts und Hosen gab es bei C&A, beim Hartmann wurde immer nur geschaut, Schuhe gab es bei Bach oder Birkicht, kurze Stärkung bei der Nordsee, dann weiter zum Jansen, Bücher waren eher uninteressant, zu groß war der Reiz des Spielhäuschens in der Kinderbuchabteilung. Es geht weiter, Zeeman, weil man ja schon da ist und dieser dubiose Schnick-Schnack-Laden neben dem ehemaligen Peanuts oder war das InterSport? Dann der Heimweg, durch die Sophienpassage und um den Tag abzurunden, geht es in den Kromschröder. 

Ich schüttele mich. Wahrscheinlich habe ich zu viel vermischt, andererseits will ich auch nicht noch mehr Zeit darauf aufwenden. Warum auch? Diese Zeit ist vorbei, es muss vorangehen, sowohl mit der Stadt als auch mit meiner Gruppe. Ich reiße sie aus ihren Träumen. Wir gehen die Marktstraße weiter. Mehr und mehr erkennt man den großen Klinkerbau am Ende der Straße. Erstes Fabrikgebäude, Dampfmaschine, Nähmaschine, Fahrrad, Brand. Aufbau, Auto, Verkauf, Leerstand. 

2.1

As your scent fades from my bed so too the memory of your kiss fades from my lips

@law04: #healed #reflections #issuesoftheheart #love #loveyourself #kiss #memories #poemsaboutlove #poet #poetryporn #poetryheals #poetslife #poetssofig #poemsdaily #poetry #poetssociety #poetslife #writerscommunity #poetsandwriters #wordsofwisdom #wordsmith #poetscorner #poetrylovers

Noch während des Studiums beginne ich damit für das hiesige Museum Führungen anzubieten. Erst Ausstellung, dann Festung, Verna-Park, Stadt usw. Rüsselsheim wächst mir weiter ans Herz, nicht mehr nur aufgrund von Kindheitserinnerungen und meinem politischen Exkurs, sondern nun auch aufgrund der Historie. Ich studiere Geschichte, Philosophie und Pädagogik, warum also nicht Geschichte vermitteln und dabei zum Nachdenken anregen? 

Mit der thematischen Erarbeitung und Recherche kommt nach und nach das Verständnis für diese schon fast wehmütige Nostalgie, die aus den Menschen in der Stadt hervorquillt. Es ist erstaunlich, welchen Stand diese Stadt in der Republik hatte. Opel brachte das Geld nach Hause und die Stadt gab es in alle Richtungen aus. Hier ein Theater, da ein Schwimmbad. Ein Wohnblock folgt auf den anderen. Die Leute strömen in die Stadt und mit ihren saftigen Gehältern kommt der Konsum. Man fährt Auto – natürlich Opel –, der Sohn folgt auf den Vater, der wiederrum es seinem Vater nachtat. Man ist eine große Familie. Das ist nichts Neues. Bereits zu Adams Lebzeiten legte man großen Wert auf den familiären Charakter der Firma. 

So schön das alles auch klingen mag, die Realität zeigte sich bereits. Schon in den 60er Jahren ist die enge Verzahnung von Firma und Stadt ein Thema. »Rüsselsheim ist Opel und Opel ist Rüsselsheim«. Eine Aussage, die bei heutigen Besuchergruppen ein schon fast seliges Lächeln und ein zustimmendes Kopfnicken verursacht, muss man als böses Omen der Vergangenheit verstehen. Spätestens ab den 90er Jahren geht es bergab. Mit Opel stürzte auch die Stadt bzw. was bis dahin noch von ihr übrig war und aus der Aussage aus den 60ern wurde ein verhängnisvoller Orakelspruch. 

Was der Sturz nicht so ganz zu zerschmettern vermag, ist das unabdingbare Festhalten an den Goldenen Zeiten. Entweder man geht nun mit geschlossenen Augen durch die Stadt oder meidet sie komplett. 

Ich bin ein Kind der 90er, ich kannte Rüsselsheim so gesehen nicht anders. Das Wenige, das es noch gab, verschwand einfach, mal schmerzlich und mal weniger. Mit der Wirtschaftskrise und zunehmend unsicheren Lage Opels, empfand ich auch zum ersten Mal die Angst, was kommen wird, wenn das Werk mal nicht mehr ist. Bochum und Antwerpen lagen plötzlich direkt vor der Haustür. 

Der große Knall kam nicht. Dafür Unsicherheit und eine Stadt, die mangels Alternativen diese Unsicherheit im Stadtbild aufnahm. Vor diesem Stadtbild stehe ich also und vor mir eine Gruppe aus Ludwigshafen. »Schaut ja hier fast aus, wie bei uns«. Vielleicht Was-wäre-wenn-Tourismus. Einige Wochen später explodiert eine Rohleitung bei der BASF. 

Rüsselsheim sinkt weiter ab, aber niemand stört sich groß daran. Die Innenstadt wird gemieden, da, wo man früher die Idiotenbahn abgelaufen ist, sitzen nun die »Anderen«, die deutlichsten Spuren des industriellen Aufschwungs in Rüsselsheim. Nachfolgegenerationen der Gastarbeiter, die hierherkamen, zu Kollegen wurden. Nichts Ungewöhnliches. In der Grundschule starrte man wie gebannt auf den Globus im Klassenzimmer auf dem gerade Mitschüler und Mitschülerinnen mit dem Finger auf ihr jeweiliges Heimatland deuteten. Türkei, Marokko, Griechenland, Mazedonien, Serbien. Viel bedeutet hat das nichts. Geboren wurden wir alle in Frankfurt, Mainz…und Rüsselsheim. 

Ich besuche einen Freund in Mainz. Er ist von Rüsselsheim nach Mainz gezogen. Er studiert in Frankfurt und arbeitet in Bischofsheim. Damit wird er nicht allein bleiben. 

2.2

You will receive power when the holy spirit has come on you

@jesusistheway_eternallife: #UnspeakableJoy #Love #WonByPerfectLove #TrustJesus #King #Jesus #Savior #Redemeer #Friend #Abba #Father #Healer #Sovereign #LoveofMySoul #Jehova #Jireh #Santifier #BestfriendForever #HeavenlyFather #GreatestGift #Love #Hope #Faith #EternalLove #Grace #Deliverer #Sanctifier #revival #Dunamis #God #bibleverse #lovewon 

Viel Weltbewegendes ist nicht passiert. Ich fahre nach Mainz zum Studieren. In Rüsselsheim werde ich regelrecht zum Inventar des Museums und betreue im Wintersemester die KinderUni auf dem Rüsselsheimer Campus. Ich schreibe meine Bachelorarbeit. Natürlich über Rüsselsheim. Wie bekommt man Leute in ein Museum und wie schafft man es, dass möglichst viel hängen bleibt. Ich bestehe, bin ab sofort Bachelor of Education und studiere weiter. 

In der Stadt herrscht Aufbruchstimmung. Im halben Innenstadtgebiet sind die Straßen aufgebrochen worden. Leitungen werden erneuert und Plätze neugestaltet. Der Hessentag kommt nach Rüsselsheim. Ein Landesfest bei dem Kommunen eine Finanzspritze bekommen, für zehn Tage Gaudi haben und am Ende nie ohne Minus unter dem Strich herauskommen. Was bleibt ist ein Imagegewinn, der alles wieder wett macht. Rüsselsheim will das Unmögliche schaffen: Kostenneutralität. Daraus wird nichts. Niemand scheint aber wirklich erbost darüber. Der Oberbürgermeister wird zwar abgewählt, fällt aber bequem flussabwärts nach Wiesbaden. Diese Wahl spaltet die Stadt. Die eine Hälfte klatscht Applaus, die andere auf die Schenkel 

Ich bin ehrlich. An dem Minus bin ich nicht ganz unbeteiligt. Ich und ein Kollege bieten an jedem der zehn Tage jeweils eine Führung durchs Museum und die Festung an. Die Gruppen sind überschaubar. Der Grund ist mit großer Wahrscheinlichkeit das Wein- und Vereinsdorf direkt vor der Festung. Alkohol zieht immer. Manchmal sind wir allein. Bezahlt werden wir trotzdem. 

Tagsüber bin ich in der Stadt. Erst Festung, dann Hessentagsstraße, dann wieder Festung. Eine große Runde, Bundeswehrsoldaten böse angucken, Thomas Ranft mal in personam sehen, kleine Pause bei Oma im Wohnzimmer mit Fliesentisch. Mittlerweile schon ein, zwei Bier getrunken, ich treffe Freunde, alte Weggefährten und meine Eltern. Wir gehen zum Vereinsdorf und bald darauf wieder nach Hause. Draußen im Garten schallt die Hessentagsarena. Es dröhnt und ich verstehe nicht viel. Am nächsten Tag erfahre ich, dass es die Scorpions waren. 

Der Hessentag geht zu Ende und der Zauber verfliegt recht schnell. Einzig die Reste von »Natur auf der Spur« deuten auf das Fest hin…ach ja, und das Defizit in der Stadtkasse. Man feiert den Erfolg. Versprechen geben und nicht halten ist kommunalpolitisch verzeihbar, solange es etwas zu feiern gibt. Den Streit überlasse ich den Verantwortlichen…und Facebook. Mein Interesse wird von einem neuen Phänomen geweckt. 

Im spätromantischen Verna-Park hatte man zum Hessentag tonnenweise Holzsplit verteilt und das Weindorf sowie das Kinderdorf hineingesetzt. Nach dem Fest versammelte sich dort eine lustige Truppe zum Weintrinken und feierten die Wiederentdeckung des Parks. Ich freue mich darüber, bin einige Male vor Ort. Hey, der versprochene Imagegewinn scheint tatsächlich gewirkt zu haben. Ich spreche mit meiner Chefin darüber und nehme sodann Kontakt mit den Organisatoren auf. Es gibt einige Führungen zur Geschichte und Philosophie des Verna-Parks. Immer im Vorfeld zur Weintrinkveranstaltung. Das Konzept ist klar: Erst Kulturgeschichte, dann Trinken. Zum Abschluss der Führungen stehe ich mit der Gruppe im Musikpavillon im Park und rede ein wenig über romantische Philosophie und die persönliche Eigenverantwortung. Bei der zweiten Führung regnet es ein wenig. Im Pavillon haben sich schon einige Weintrinker eingefunden. Ich stelle mich mit meiner Gruppe unter Pavillon und beginne zu reden. Freundlicherweise macht man die laufende Musik aus. Während ich rede, schaut mich ein grauhaariger Mann aus seinem Campingstuhl nur böse an. Virtuell begegnen wir uns wieder. Wir werden keine Freunde. 

Bereits während der Führungen und spätestens ab den bösen Blicken des grauhaarigen Mannes, wurde mir die gesamte Angelegenheit im Park immer suspekter. Man betonte recht deutlich die »Wiederentdeckung« des Verna-Parks. Doch nachdem die Diskussionen, ob es nun der Verna-Park oder Stadtpark sei, immer häufiger auftraten, schaute ich mir die Sache nochmal genauer an. Bis hierhin dachte ich, dass mit der »Wiederentdeckung« die historische und kulturelle Bedeutung gemeint war. Es stellt sich jedoch heraus, dass die meisten tatsächlich die physische Existenz dieses Ortes meinen, so als wäre die Mauer des Parks an der Frankfurt Straße zwar bekannt gewesen, man dahinter aber direkt den Main vermutete. Ich war am Boden zerstört. 

Die Fronten verhärteten sich. Neben der wehmütigen Rückbesinnung auf das frühere goldene Rüsselsheim, kamen die Erinnerungen an den Hessentag hinzu. Feierlaune rückte nach auf oben auf der Agenda. Bald stand am Mainvorland eine kleine Holzhütte. 

2.3

Showing off is he fool‘s idea of glory

@youth_365: #confidencequotes #youth #self #selflove #youthempowerment #brucelee #bruceleequotes #quotes #powerfulquotes #power #life #redefinelife #change #glory  

 

An einem Weinstand ist in erster Linie nichts Verwerfliches zu finden. Jedes Flussörtchen mit nur etwas Uferpromenade hat einen. Man trifft sich dort. Hat Spaß. Wenn es gut läuft, ist man demografisch durchmischt. Was kann man also diesem kleinen Hüttchen am Wasser vorwerfen? 

Seine Bedeutung! Das Prinzip ist einfach: Hingehen, bestellen, trinken, reden, heimfahren. Doch was passiert, wenn seine Bedeutung über dieses Prinzip hinausgeht? Man hat es geschafft innerhalb von zwei Jahren einen regelrechten Mythos zu schaffen. Auf einmal ist alles möglich. Auf einmal kommen alle zusammen. Auf einmal scheint die Stadt gerettet. Doch, wo fängt die Stadt an und wo hört der Mythos auf. Ich lese viel, was auf Facebook so alles passiert. Ich nutze die Seite in erster Linie dazu Werbung zu machen, Veranstaltungen anzukündigen. Aber auch hier hat der Mythos sich bereits festgesetzt. Man ist glücklich. Über das, was man da auf die Beine gestellt hat. Gleichzeitig lässt man sich köstlich über den »sozialen Niedergang« der Stadt aus. Der neue OB wird stetig mit dem altem verglichen, für alles verantwortlich gemacht. Man macht Witze über seine Krawattenwahl und seine Abwesenheit in den sozialen Medien. Gleichzeitig fordert man in Diskussion mehr Sachlichkeit ein. »Verrückte Welt« denke ich mir und beteilige mich bei den Diskussionen. Zustimmung hält sich jedoch bedeckt. 

Man hat sich eine Blase geschaffen, eine Enklave im sonst so asozialen Rüsselsheim. Da sind »Wir« am neuen Herz dieser Stadt und abseits davon sind »Die«: Die Messerstecher, die Familienclans, die Miesepeter und Politiker. Neu ist das nicht. Blasen gab es schon immer in Rüsselsheim. Die gesamte Stadt ist ein regelrechtes Geflecht aus Blasen, zusammengehalten von einem wirren Straßennetz. DAS Rüsselsheim existiert letztendlich nicht. Dazu vielleicht ein historischer Exkurs: 

Die ursprüngliche Siedlung Rüsselsheim lag dort, wo man heute die Festung findet. Mit dem Ausbau des Festen Hauses der Grafen von Katzenelnbogen zur Festungsanlage musste das Dorf weichen. Man verlagerte es in Richtung des heutigen Marktplatzes, wo es sich nach und nach ausbreitete. Im Norden begrenzt vom Main wuchs das Dorf im Süden bis zur heutigen Bahnlinie, im Westen bis zur heutigen Vollbrecht- bzw. Engelhardtstraße und im Osten bis zum heutigen Friedensplatz an. Im Osten grenzte der ab 1850 entstandene Verna-Park an das Dorf, daran wiederum die Festung. Dann kamen Opel und die Industrialisierung. Im Westen entstand das Werk und das Rüsselsheimer Westend. Im Osten das Geiersbühl. Bis hierhin eigentlich eine typische Stadtentwicklung. Wie eine Zwiebel wächst Schicht für Schicht ein Stadtteil nach dem anderen um den alten Ortskern. Schaut man sich nun den Rest der Stadt an, fallen zuerst die großen Hauptstraßen auf, die die Stadt durchziehen. Ebert- und Böllenseesiedlung wirken in sich geschlossen, genauso der Ramsee, das Berliner Viertel und und und. Die deutlichste Ausformung dieser Inselhaftigkeit sieht man in Haßloch-Nord, ein Stadtteil, der komplett am Zeichenbrett entstanden ist. Natürliche Formen, Ärzte, Schule, Kindergarten und Einkaufszentrum, alles vorhanden. Der ganze Stadtteil ist zu Fuß begehbar, ohne dass man eine große Straße überqueren muss. Das sind keine zufälligen Strukturen, sondern gezielte Stadtplanung. Stadtteile wurden voneinander separiert gebaut, für sich fast autark existierend. Alles zum Nutzen des Werks. Rüsselsheim erinnert nicht an eine Zwiebel, sondern an eine Traubenrispe. Einzelne Früchte verbunden über dicke und dünne Seitenachsen. Durchaus funktional, doch die Funktion ist schon lange verschwunden. Es bleiben viele kleine Blasen, die sich zwar alle denselben Stamm teilen, aber alle sich selbst als dessen Wesen verstehen. Wo liegt also das wahre Rüsselsheim? Überall und nirgends! 

Welche Rolle spielt aber nun der Weinstand? Seine Gesellschaft ist verschlossen. Jeder kann zwar jederzeit hinein, den Weg dorthin muss man jedoch selbst finden. Mundpropaganda hat stark zum Wachstum der Gemeinschaft beigetragen, aber darüber erreiche ich nicht jeden. Die Hütte ist gewachsen und hat Gesellschaft bekommen. Es gibt musikalisches Programm. Man ist vorzeigbar. Aber worin liegt nun das Problem? 

Man denkt zu groß und zu bedeutend! Großes Vorbild sind selbstverständlich die Weinstände im Rheingau. Regelrechte Institutionen. In Rüsselsheim denkt man gerne groß, selten zum eigenen Vorteil. Diese scheinbare Größe spiegelt sich letztendlich in der eigenen Bedeutung wider. Man ist das neue Rüsselsheim! Man ist die Stadt. Man trifft Entscheidungen, kritisiert und verhöhnt. Man gibt den Ton an. Man selbst ist das Selbstverständnis dieser Stadt. Es schwingt ein gewisser Hochmut mit: Man beschwert sich über Radfahrer, die an der Weingesellschaft vorüberfahren und wird sich dabei nicht gewahr, dass der Weinstand auf einem Radweg steht…und der Radweg war zuerst da. Außenstehende müssen ZUM Weinstand kommen, der – neben Facebook – zum alleinigen Diskussionsforum erhoben wird. Und obwohl man so groß und bedeutend denkt, hält man sich absichtlich klein. Andererseits stünde da zuvorderst die Selbstreflexion mit der Erkenntnis: Man bildet nicht die Stadt ab! Hier sind einige hundert, dort aber mehrere tausend! Man müsste an die Grenzen seiner Blase gehen, diese ggf. erweitern. Oder die Blase platzen lassen und den unzähligen anderen dasselbe Schicksal bereiten. 

Ich wurde mal nach konstruktiven Lösungsansätzen gefragt, die diese Inselhaftigkeit des Weinstand auflösen könnte. Meine Antwort war recht unkompliziert: Macht einen Weinstand am Berliner Platz oder dem EKZ Haßloch-Nord. Bringt die Veranstaltung mal in den Dicken Busch oder den Hasengrund. Trefft euch mit Picknickdecke und -korb im Ostpark. Rüsselsheim besteht nicht nur aus den 250m zwischen Marktplatz und Mainvorland! Dahinter geht es noch weiter. 

Kurzerhand wurde meinem Vorschlag die Konstruktivität abgesprochen und als leere Luft deklariert. Dieser Vorgang lässt sich des Öfteren beobachten. Das Contra hat nicht lange bestand, ist schnell haltlos und lächerlich. Die Blase schirmt sich ab. 

2.4

It’s not whether you get knocked down, it’s whether you get up

@standing_with_fathers: #dontgiveup #motivationmonday #father #fatherandson #fatheranddaughter #fathers #fatherhood #fathersrights 

Fest steht: Rüsselsheim ist nicht mehr wie früher. Das heißt aber nicht, dass es heute schlechter ist als damals. Es ist anders. Jegliche Entscheidung in dieser Stadt wird unter dem Aspekt des Früher getroffen. Dabei schwingt auch immer der Versuch mit, das Früher im Heute wieder zu etablieren. Der Historiker in mir entgegnet dem: Die Vergangenheit wiederholt sich nicht, sich ähnelt sich nur. Soll heißen, dass man die neue Situation nutzen sollte, nicht das Alte vergeblich wiederzubeleben, sondern etwas Neues zu schaffen. Das Potenzial hierfür ist vorhanden, nur durch diverse Blasen außer Gefecht gesetzt. 

Diese Stadt ist katastrophal zu Boden gestürzt und muss sich wieder berappen. Wieder auf die Beine finden und Schritt für Schritt wieder zu sich selbst finden. Ganz ohne wehmütige Nostalgie. Zielgerichtet auf etwas Neues und Anderes. Opel wird in nächster Zeit großartige Erfolge verbuchen, die auch der Stadt zugutekommen. Man kann sich nicht darauf verlassen, dass von heute auf morgen die entscheidende Wohltat kommt.

Einem Weiterkommen steht jedoch die Blasenstruktur der Stadt im Weg, gesellschaftlich wie auch politisch. Der neidvolle Blick geht immer in Richtung der Nachbargemeinden. Zurecht, jedoch nur wenn man allein bedenkt, dass sich diverse Schlammschlachten dort nicht abspielen. Kein wankelmütiges Stadtparlament. Keine Tagesthemenbehandlung, die allein in den sozialen Medien stattfindet. 

3.1

Real is rare. Fake is everywhere

@harish_8285: #lovequotes #quotes #loveisforever #lovequote #sayings #shayarilove #quoted #romancequotes #togetherforever #innervoice #innervoicewf #microfiction #writingcommunity #wordgasm #quoteoftheday #poetry #tinytales #poetsociety #innerpeace #microtales #microtale #writersofinstagram #writerslife #storyteller #writingquotes #instaquote #innerthoughts #painfull_story

Rüsselsheim ist groß und es wert, mal genauer betrachtet zu werden. Der berüchtigte Blick über den Tellerrand ist gefragt. Über das Mainvorland und den Marktplatz hinaus. Man muss in die Stadtteile gehen und alle ins Boot holen. Ein Wir-gegen-Die-Denken nützt in der aktuellen Situation nicht. Man muss die Frage stellen, warum sich das Publikum des Weinstandes, nur aus einer kleinen Schicht zusammensetzt? Wie holt man Abgehängte ein? 

Rüsselsheim hat gewaltiges Potenzial, es fehlt nur an Weitsicht. Man begrenzt sich selbst auf seine kleinste Blase und schafft sich stetig neue, die sich in ihrem Alleinstellungsanspruch immer wieder versuchen zu überbieten. Die Inselhaftigkeit dieser Stadt, die sich nicht nur städtebaulich, sondern auch gedanklich wiederfindet, muss aufgebrochen werden. Das langfristige Ziel muss es sein, statt vieler kleiner Rüsselsheime, ein einzelnes zu schaffen, in dem nicht die einzelnen Blasen den Interessenskern bilden, sondern die gesamte Stadt. Hierbei gilt es vor allem ein Umdenken zu bewirken. 

3.2

Hold doors open for others

@lyneli.vandersteen: #artLYNEL #hardcorecrafter #typography #schilderij #schilder #schilderen #artandcrafts #artquotes #lettering #painting #wallart #handmade #handgemaakt #bulletjournal #Leiden #netherlands

Als ich allmählich darauf zulief meine Masterarbeit zu schreiben, befand ich mich natürlich erstmal in der Findungsphase für ein Thema. Ich wollte über Rüsselsheim schreiben, am liebsten über Erinnerungskultur. Zum Glück veröffentlichte zeitgleich ein Rüsselsheimer Fotokünstler ein selbsterstelltes Kunstkataster. Ich nutze die Chance nehme den Kontakt auf, frage, ob ich sein Kataster in meiner Arbeit behandeln darf. Er willigt ein. 

Ich schreibe meine Arbeit, mache eine Umfrage, gebe ein Interview in der Zeitung. Ich bestehe und verlasse die Universität als Master of Education. Der Kontakt zum Fotokünstler bleibt erhalten. Eine Gruppe Studierender soll seinem Kunstkataster den wissenschaftlichen Anspruch geben. Die Gruppe kommt samt Professor nach Rüsselsheim. Ich führe sie durch die Stadt. Dieser Kontakt besteht weiterhin. 

Im Winter gründen diverse Kulturschaffende einen neuen Verein, darunter auch der Fotokünstler. Sie werden stark kritisiert. Der Ritterschlag. Ich melde mich. Man setzt sich zusammen, verfolgt Ziele, will Neues ermöglichen und Altes abschütteln. Blasen zum Platzen bringen.
Und vielleicht… vielleicht singt Harald Juhnke am Ende:

Mensch Berlin, was bist du groß geworden
Aus der Insel wurde wieder’n festes Land
Plötzlich gibt’s die Ostsee da im Norden
Und der Wannsee hat von beiden Seiten Strand

»Kennen Sie eigentlich die Idiotenbahn?«