REISETAGEBUCH #2

"Im Februar 2022 besuchten mich drei ehemalige Kolleginnen aus Nürnberg in Rüsselsheim, um sich meine Heimatstadt einmal genauer anzuschauen. Nach einem Rundgang über das Mainvorland, den Verna-Park, einem Besuch in der Festung und dem Museum sowie einem Gang durch die Innenstadt und das Opel-Altwerk, bat ich alle um einen Erfahrungsbericht, in dem sie beschreiben, wie sie Rüsselsheim wahrgenommen haben. Lest selbst."

Liebes Reisetagebuch,

unser Guide empfängt uns mit einer Anekdote über ein Ehepaar, zwei Touristen, die in Rüsselsheim zu Besuch waren und sich in Rüdesheim wähnten. Unsere Tour beginnt zwar am Mainufer und im Sommer würde hier am Kiosk auch Wein ausgeschenkt, aber in Rüdesheim sind wir nicht, nein! Wir sind in Rüsselsheim. Und darüber dürfen wir nun berichten: Wie habe ich diese Stadt nach einer 6-stündigen geführten kulturtouristischen Exkursion wahrgenommen?

Natürlich können wir in der Kürze der Zeit nur in einem ersten Eindruck erleben. Um eine Stadt kennenzulernen, braucht es mehr. Von Berufswegen und auch privat bin ich gerne kulturtouristisch unterwegs - auf der deutschen Landkarte der kulturtouristischen Hotspots habe ich Rüsselsheim allerdings noch nicht gefunden. Umso beeindruckter bin ich nach unserem Besuch. Erste Highlights unserer Tour waren für mich der Verna-Park und das Stadt- und Industriemuseum. Ein Museum, das in den 1970er Jahren Vorreiter war, Sozial- und Industriegeschichte zu verknüpfen. Die kürzlich überarbeiteten Teile der Dauerausstellung zeigen, dass diese Verknüpfung gelingen kann. Mitten in der Stadt ein historischer Landschaftspark. Viele junge Familien spazieren durch den Park. Es ist ein Ort, der so wirkt, als würden sich die Rüsselsheimer hier gerne aufhalten. Leider bleibt keine Zeit, dass wir uns die Ausstellung in einer der Opelvillen ansehen, die wir auf dem Weg entdecken. Die Zeit wird knapp und wir müssen nach einer kleinen Pause im gemütlichen Museumscafé wieder aufbrechen.

Viele leerstehende Geschäfte, Dönerbuden, Shisha-Bars und wenige Menschen, die an einem Samstagnachmittag hier unterwegs sind. Von der Rüsselsheimer Innenstadt bleibt ein deprimierender Eindruck. Eine klassische sterbende deutsche Innen- und Einkaufsstadt.

Gegen Abend erreichen wir das Opel-Altwerk, das ein weiteres Highlight für mich ist. Beeindruckt hat mich schon, dass der Bahnhof mitten in der Stadt liegend gefühlt zum Opel-Altwerk gehört. Vor meinem geistigen Auge sehe ich das emsige Treiben der Arbeiter*innen, die in kleinen Menschentrauben von der Abendschicht in Richtung Bahngleise eilen.

Unser Guide berichtet, dass sich im Altwerk ein Skaterpark und ein Showroom für Oldtimer angesiedelt haben. Beim Gang über das Gelände wird klar, dass es noch ein langer Weg ist bis das Areal des Opel-Altwerks mit neuem Leben gefüllt werden kann. Was macht so ein historisches Werksgelände für die Stadtgesellschaft erhaltenswert? Wie kann es ein integrierendes Element werden für eine Stadt, deren Stadtteile kleine Satellitenstädte sind? So erzählt es unser Guide und lässt diese Fragen im Raum stehen und nachwirken.

Wir schlendern durch die Straßen des Werks. Fasziniert von der Architektur lauschen wir den letzten Ausführungen.

Mitten im ehemaligen Werksgelände befindet sich ein historischer Luftschutzbunker aus der Zeit des 2. Weltkriegs. Es gibt keine Hinweisschilder und der Bunker ist auch weitestgehend nicht zugänglich. Unser Guide erzählt, dass dort Rüsselsheimer:innen während der Zeit der schlimmsten Bombardierungen einen sicheren Platz fanden. Die Zwangsarbeiter, die auch im Werk beschäftigt waren, sind in ihren Holzbaracken vor der Stadt dem Bombardement hilflos ausgeliefert gewesen. Es gibt noch viel Stadtgeschichte, die sich zu vermitteln lohnt. Ja, die vermittelt werden muss. Dazu gehören auch einige fragwürdige Denkmäler, die unkommentiert im Stadtgebiet stehen. Dafür muss man sich der Stadt(-geschichte) neu annähern, ja die Stadt vielleicht neu erfinden.

Unsere Tour ist nun zu Ende. Und wir haben noch längst nicht alles gesehen. Eines ist jedoch nach dem heutigen Tag klar, wir werden Rüdesheim NIE mit Rüsselsheim verwechseln.

- Theresia