REISETAGEBUCH #1

"Im Februar 2022 besuchten mich drei ehemalige Kolleginnen aus Nürnberg in Rüsselsheim, um sich meine Heimatstadt einmal genauer anzuschauen. Nach einem Rundgang über das Mainvorland, den Verna-Park, einem Besuch in der Festung und dem Museum sowie einem Gang durch die Innenstadt und das Opel-Altwerk, bat ich alle um einen Erfahrungsbericht, in dem sie beschreiben, wie sie Rüsselsheim wahrgenommen haben. Lest selbst."

Liebes Reisetagebuch,

heute waren wir in Rüsselsheim und ich muss zugeben, dass meine Erwartungen an diesen Ort nicht allzu hoch waren. Gerechnet habe ich mit viel Grau, wenig Grün, gemischt mit verlorenem Glanz aus alten Zeiten. Tatsächlich zeigt sich die Stadt auf den ersten Eindruck nicht von ihrer besten Seite, es scheint fast so als verstecke man die romantischen, grünen Ecken hinter einer Fassade aus Leerstand, Nagelstudios und dem verzweifelten Versuch eine moderne Kleinstadt zu sein. Es mangelt gefühlt an dem Willen Historisches zu würdigen und einzubinden, vielmehr wird es hinter einer grauen, gezwungen modernen und gezwungen großstädtischen Fassade versteckt und mit einem Hauch von Opel überzogen, als wäre allein der Name Opel Garant für ein goldenes Image. Leider entpuppt sich dieser Goldglanz als Katzengold und während durchaus Ansprechendes mit Potential verfällt und ungenutzt bleibt, scheinen die neonfarbenen Werbetafeln der Dönerbuden umso heller.

Ecken wie die Festung, das Mainufer oder der Park zeigen sich als überraschende Ruhepole in diesem Mischmasch, sie laden zum Verweilen ein und geben Rüsselsheim einen kleinstädtischen Charme, den die restliche Stadt vermissen lässt. Historische Brunnen und Häuser wirken nahezu deplatziert, als würden sie nur darauf warten ebenfalls zu entschwinden. In meinem Eindruck mangelt es der Stadt daran ihr historisches Erbe anzunehmen und zu betonen und sich davon zu lösen, dass allein der Name Opel schon ausreichen wird, um eine städtische Identität zu schaffen. Rüsselsheim scheint Potential zu haben, dass es nicht sehen will. Stattdessen scheint die Stadt gefangen in einem Zwiespalt zwischen Opel als Identitätsgeber und dem Wunsch sich neu zu erfinden. Eine Erweiterung des eigenen Geschichtsverständnisses und eine Wertschätzung der eigenen Historie im Hinblick auf Kunst und Kultur in jeder Hinsicht wäre meiner Meinung nach sinnvoll. Eine Erinnerungskultur, die ihren Fokus nicht auf vergangen Glanz legt, sondern vielmehr die Vielfältigkeit der eigenen Historie annimmt und wertschätzt, könnte dazu führen, dass die Stadt insgesamt in einem neuen Glanz erscheint. Vielleicht nicht so hell und golden wie in der eigenen nostalgischen Erinnerung. Dafür aber auch ehrlich, offen und zukunftsorientiert. Dann kann aus dem Katzengold mit dem Rüsselsheim seine Historie überzieht ein echter Goldglanz entstehen, der unter dieser Fassade schlummert. Dazu bedarf es jedoch eventuell unangenehmer Arbeit, Aufarbeitung, Akzeptanz und Respekt. Das Potential aber ist da, das beweist Rüsselsheim mit seinen schönen und wahrlich glänzenden Orten und Ecken, die immer wieder aufblitzen. Man muss nur hinschauen (wollen).

- Katharina